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Blog 21

Die FirmaDas Firmengelände der Metallschleiferei Mewes war eine Welt voller verbeulter Schließfächer, Holzpaletten und glitzerndem Metall. Die Firma befand sich an einer dichtbefahrenen Kreuzung und war zugleich uneingeschränktes Königreich meiner Freunde und mir. Auf dem Hinterhof hing unser fantasievoll kreierter Basketballkorb; ein Gummikorb, dessen Boden wir herausschnitten und am oberen Ende hochgestapelter Paletten nagelten. Dort, wo normalerweise Metallteile hinein geworfen wurden, landete nun ein Basketball. In den Katakomben unter der großen Halle befand sich das Heiligtum – der Proberaum.Das Personal bestand aus tüchtigen Arbeitern mit einer Mischung aus deutschen, türkischen, arabischen und osteuropäischen Männern. Kerim Schaer, ein verstoßener Sohn palästinensischer Einwanderer, war loyal und unter allen Ausländern sicherlich der mit den besten Deutschkenntnissen, den allerdings das Glücksspiel im Griff hatte.Der Pole, Richard, bezog einen kleinen Nebenraum mit all seinen Habseligkeiten. Erst als meine Band und ich zu laut Musik machten, fühlte er sich in seiner Nachbarschaftsruhe gestört und bezog seine erste Wohnung. Da war beispielsweise auch Manni, der stehengebliebene graue Rocker, der immer so ein bisschen in unseren Proberaum schielte. Er coverte Evergreens. Für ihn schien die Zeit stehengeblieben.Da mein Vater der Boss war, genoss ich eine Art Sonderstatus. Beim Durchqueren der Industriehallen nickte die Mannschaft mir stets freundlich zu. Ich maß dem keine Bedeutung bei. Mich interessierte nur, dass der Betrieb lief und war mit anderem beschäftigt.Musik war meine erste Liebe.In ihr fand ich Zuflucht vom oberen Teil der Welt. Es gab Zeiten, in denen genoss ich die Stille und Einsamkeit des Proberaums. Im Eingangsbereich stand eine Chillout-Sofagarnitur. Die Möbel waren secondhand. Lichterketten und Spotlights beleuchteten schüchtern ein paar Ecken. Der Fernseher lief stumm. Oben, wo die meisten Menschen ihrer harten Arbeit nachgingen, ging das Leben weiter. Für mich da unten nicht – nur die Tasten meines Keyboards brachten mich nach vorn. Und plötzlich war mir Mannis Mentalität gar nicht fremd. Um im Winter ausreichend Wärme in die Räumlichkeiten des Proberaums zu bringen, verwendete ich eine Propangas-Heizung. Sie garantierte schnell warme Hände. Ich hielt mich eben noch auf meinem Lieblingssofa auf und schrieb „Evolution“ als die Propangasflasche knallte. Eine Feuerfontäne baute sich unter der 3m hohen Decke auf. Meine Pupillen erweiterten sich. Ich fühlte Angst. Ich rannte nach oben. Draußen war Tag.Ich lief an den Schleifböcken vorbei, neben großen Maschinen bis zum Metalllager ins Büro des Betriebsleiters und rief die Feuerwehr. Die lyrischen Schätze unten lagen mir am Herzen. Sie sollten unbedingt in Sicherheit gebracht werden. Ich selbst traute mich nicht mehr hinunter aus Furchst davor mit einer Gasexplosion hinausgeschleudert zu werden.Der einzig furchtlose Mann des Tages kam mir entgegen.Kerim fragte mich, was los sei. Ich erklärte ihm die Lage im Keller. Er versicherte mir das Feuer unten zu löschen und ging hinunter. Ich dachte mir: „Entweder ist der Kerl verdammt mutig oder einfach nur dumm.“Kerim fackelte nicht lange und ging hinunter. Mittlerweile stand die versammelte Mannschaft um mich herum wie eine Traube. Sie rauchten bereits ihre zweite oder dritte Zigarette und waren mindestens genau so nervös wie ich. Denn wenn der Laden tatsächlich in die Luft fliegen sollte wären die Schäden weitaus heftiger und würden das Abwassersystem beschädigen, das wiederum mit den Maschinen verbunden war. Kerim kam wieder die Treppen hoch. Er traute sich nicht die brennende Propangasflasche runterzudrehen. „Sie könne jeden Moment in die Luft gehen“ sagte er. Nun fuhr ein ganzer Großeinsatz der städtischen Feuerwehr auf den Firmenhof. Dem ersten Feuerwehrmann zeigte ich den Weg zum Proberaum. Er signalisierte seinen Kollegen, dass er erst einmal einen Blick wage. Nach zwei langen Minuten kam er wieder mit dem Heizkörper in der Hand. Während er sich die Handschuhe auszog klärte er mich auf: Die Gasflasche sei defekt und dürfe nie wieder verwendet werden. So etwas passiere normalerweise nicht. Zu mir selbst sprach ich: Normalerweise gibt es hier nicht. So schnell wie die Einsatzwagen auf unseren Hof erschienen, so schnell waren sie auch wieder verschwunden. Mein Vater bekam von dem Einsatz der Feuerwehr nichts mit. Er war auf Kundenbesuch.Mich wollte die Angst vor dem Feuer nicht loslassen. Seit ich sieben war, versuchte ich dem Feuer aus dem Weg zu gehen. Jetzt aber wurde ich geradewegs damit konfrontiert.Damals hatte mein Bruder in unserem Kinderzimmer ein Schaukelpferd angezündet. Mich plagten jahrelang Alpträume. Seit diesem Erlebnis jedoch verschwanden sie für immer. Die Nummer mit dem Schaukelpferd kam mir erst wieder vor Augen als ich ein Fotoalbum durchblätterte, in dem ich ein Foto eines Schaukelpferds aus meiner Kindheit entdeckt hatte. Doch das ist eine andere Geschichte.Hier wäre fast zerstört worden, was ohnehin irgendwann als Opfer der Wirtschaftskrise nicht mehr existierte. Mein Reich grenzte vom ersten Pflasterstein an der Heidestraße bis hin zum metallenem Zaun im Hinterhof, über den unser Basketball ach so oft flog. Es war nur eine von vielen Industriefirmen meiner Familie, aber meine Chance Träume zu verwirklichen.Und andere Träume loszulassen.Es heißt man könne Musik nicht mit Industrie verbinden.Vielleicht geht das manchmal aber doch.Peace,Norman Mewes

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